Aus dem Katalog:
„KUGELN, schwebend“
Frankesche Stiftungen zu Halle (Saale), 2002

 

Barbara Weidle

Die Linie in der Kugel

Sie steigen auf, die Schmetterlinge des Planeten,
wie Farbenstaub vom warmen Körper der Erde,
Zinnober, Ocker, Gold und Phosphorgelb,
ein Schwarm von chemischem Grundstoff hochgehoben.“
Inger Christensen, Das Schmetterlingstal

„Zeichnen ist eine andere Form von Sprache.“1 Zeichnen, Aufzeichnen, seismographisch mit der Bewegung der Hand inneren oder äußeren Rhythmen und Schwingungen folgen ist gewissermaßen auch hermetisches Schreiben, Notieren einer Befindlichkeit oder eines Gefühls, einer Beobachtung — oder Projektion einer Idee in den weißen Raum des Papiers. Visualisiertes Denken.

Jörg Ahrnt zeichnet mit Farbstiften in spiraliger Bewegung Kugeln, die sich in Folge eines fast organisch anmutenden Prozesses zu Ketten unterschiedlicher Größe und Struktur zusammenfinden. So plastisch die durch mehrere Schichten von ununterbrochen anmutenden Farbfäden entstandenen – Kugel für Kugel geformten – Ketten auch wirken mögen in ihrer präzisen und klaren Zeichnung: Je näher das Auge ihnen kommt, desto stofflicher, desto gewebeartiger werden die Kreise. Sie ziehen sich mehr und mehr in die Fläche zurück. Sie werden von der plastischen Form zur Linie. Sie gehen vom Klaren ins Unklare, von dem Wissen um Begrenzungen zum Verschwimmen von Figur und Grund.

Im Detail nehmen die Linien durch die kreisende Form der Spirale sogar den Charakter von immergleichen Buchstaben an, vor allem der arabischen Konsonantenschrift, die viele halbkreisähnliche Formen aufweist, aber sie sind durchaus auch als e- und l-Formen der lateinischen Schrift lesbar. Durch die endlose Wiederholung der Form entsteht ein labyrinthisch-ornamentaler Charakter. Die Linienbündel erinnern an das Wollknäuel der Ariadne — eine plastische Form, die im Grunde eine einzige Linie enthält — mit dem sie Theseus den Weg aus dem Labyrinth zurückzufinden half.

Die seit 1999 entstandenen Ketten-Zeichnungen von Jörg Ahrnt suggerieren in ihrem Er­scheinungsbild Klarheit, Systematik, Ordnung — unterstützt durch den weißen Umraum. Einen gewissermaßen schwere- und ortlosen Raum. Ein wie unter einer Glasglocke liegendes Aktionsfeld. Doch sie sind auch geheimnisvoll, voller Spannung, scheinen ohne Anfang und Ende, offen für viele Deutungen und Lesarten. Sie bergen Chaos in sich. Sie sind abstrakt und gleichzeitig sehr konkret. Diese Ketten gleiten spielerisch durch das Bewusstsein des Betrachters.

Ihre Form ist angenehm, harmonisch. Man meint die Kühle von steinernen oder perlmutternen Perlen zu spüren. Oder die Wärme, die sie langsam vom eigenen Körper annehmen. Die Kugel als Einzelform ist als Bild der Welt — in der Gruppe als Bild des Kosmos — zu deuten oder als mikroskopische Erscheinung des Lebens in seiner kleinsten Form. Sie dient als Erklärungsmodell für naturwissenschaftliche Fragen (Atom, Darstellung von Viren unter dem Mikroskop) und auch als Modell für die Form der Seele (bei Jakob Böhme). Die Kugel gilt als Sinnbild göttlicher Vollkommenheit. Sie spielt eine Rolle in der Magie und in den Texten der Theosophen. Im Tao-Yoga ist das Kraftzentrum hinter dem Bauchnabel als Kugelform zu denken. Die Kugelform ist ohne Anfang und Ende, vertraut, archaisch, von jeder Perspektive aus gleich. All das schwingt in diesen Zeichnungen mit.

Die ersten Kugel-Zeichnungen von Jörg Ahrnt entstanden im Kontext mit Ölgemälden, die, zusammengesetzt aus Schichten von Farbpunkten, im Gesamteindruck an Molekül-Darstellungen erinnerten. Parallel zu den bald in den Zeichnungen entstehenden Kettenformen begann Ahrnt, ein Interesse an Gebetsketten zu entwickeln, an Rosenkränzen, aber vor allem an der islamischen Gebetskette, die man Tasbih nennt. Auf einer Reise in den Iran fing er an, sie genauer zu studieren und zu sammeln. An der Kugelform und an der Reihung in der Kette interessiert ihn ihr »Cha­rakter als Übergangsobjekt, als Brücke zum eigenen Körper und zur Psyche«.2

Die islamische Gebetskette besteht aus 99 Perlen, wobei bei einer bestimmten Gebetspraxis jede Perle für einen Namen Allahs steht, den der Betende während der Meditation ausspricht. »Wahrlich, durch das Gottesgedenken werden die Herzen stille«, heißt es im Koran.3 So wörtlich ist die Verbindung des Zeichners zum religiösen Ritual nicht zu verstehen. Gleichwohl sieht der Künstler eine strukturelle Analogie zwischen dem Vorgang des Meditierens und dem des Zeichnens. Beim Arbeiten an diesen Blättern geht es ihm um »Offenheit, um das Loslassen dessen, was man meint zu wissen.« Dabei empfindet er manchmal dieses Zeichnen als Bruch, spürt eine Distanz, manchmal aber ist das Zeichnen für ihn wie das Spielen eines Instrumentes. Der zeichnerische Vorgang in diesen Blättern folgt aber keinem System, sondern geschieht absichtslos. Was entsteht, entscheidet sich während des Zeichnens. So sind die Blätter in ihrer Unbestimmtheit und heiteren Sanftheit eher ein Angebot als eine Aussage. Ihr „Farbenstaub“, leichter als ein Schmetterlingsflügel, entfaltet eine tiefe Wirkung. Wenn man sich auf ihren geheimnisvollen Rhythmus einlässt, führen sie auf eine ertragreiche Reise.


1
So hieß eine Ausstellung mit Zeichnungen aus der Kollektion des New Yorker Sammlers Wynn Kramarsky in der Berliner Akademie der Künste 1999, nach einem Zitat von Richard Serra.
2
Jörg Ahrnt im Gespräch mit der Autorin am 2. September 2002 in Bonn. Alle Zitate des Künstlers stammen aus diesem Gespräch.
3
Annemarie Schimmel: Die Zeichen Gottes. Die religiöse Welt des Islam. München 1995, S. 192.